Photo: Tom Hagemeyer / Artwork: Jonas Holland-Moritz

KAMERA – Cyborg Love (2026)

Mit der Stimme von Felix Reisel kommt die Musik von KAMERA angeschwebt – mal in einen Vocoder eingehüllt, mal im Falsett, manchmal auch im Sprechgesang. Zuerst ist da der Eindruck von Weichheit. Und dann aber auch, dass das bei aller Softness auch ganz schön doll groovet und bounct. Die zehn Songs auf „Cyborg Love“, dem ersten Album von KAMERA, verbinden Soul, Art-Pop und Hip-Hop und schicken dann diese Mischung mit sanftem Nachdruck einmal durch die Maschinen.

Dutzende Mixer, Filter, Synthies, Sampler und Beat-Generatoren bilden so etwas wie eine Band und sorgen dafür, dass man nie den Eindruck hat, man würde ein Soloalbum hören. KAMERA ist eine Ein-Mann-Band aus Geräten, bedient und ins Laufen gebracht von einem Künstler, der das Menschliche nicht automatisch mit dem Klang einer Akustikgitarre verbindet und das Künstliche nicht automatisch mit dem Maschinellen. Derartige gelernte Zuschreibungen lassen sich auflösen, durcheinanderbringen und neu mischen, in diesem Fall im Sound.

KAMERAs Musik ist betont künstlich, ohne dass sie dadurch technisch, distanziert oder gar kühl wirken würde. Die Synthies sind analog, seine Maschinen voll Seele. Keine tiefe deutsche Seele, sondern „Soul“ und dabei den Körper stets auf dem (Dance)Floor. Am direktesten im Track „DJ“, einer musikalisch komplex gebauten Feier des Nachtlebens in all seinen Ambivalenzen.

Die Songs von KAMERA singt eine alien-artige und zugleich sehr menschliche Kunstfigur – straight from the heart. Stimmtonalität und Outfit sind fluide. „Ein paar aus meiner Crew, Daddy / wurden von ihren Daddies hart gemacht / aber du, Daddy / du kannst der sein, der das anders macht“ und „Ich liebe deine Softness“ singt Felix Reisel in der ersten Singleauskopplung („Softness“ VÖ 20.03.26).

Ähnlich gestimmt ist „Safe Space“, in dem eine bei aller Vocoder-Androgynität dann doch als männlich lesbare Stimme endlich mal bekundet, dass sie Sicherheit im anderen sucht und braucht: „Bist du mein Safe Space?“ Und dazu dann langsam sich übereinander schichtende Gitarren, die klarmachen, dass der Safe Space hier kein Wohlfühlraum ist, sondern ein existenzielles Bedürfnis.

Genauso verletzlich zeigt sich der der Welt entrückte Außerirdische auch in „Tränentattoo“. Ein Sprechgesang über einen minimalen Beat und einen weichen, tiefen Bass – „Cry me a river / Lieferando bringt Pizza / Ich esse und sitz da“. Und: „Will nicht wissen / wie ich ausseh / wenn ich rausgeh / um Menschen aus dem Weg zu gehen“. Entfremdung, beim gleichzeitigen Wunsch, mal wo anzukommen, klingt selten schöner. Überhaupt, die Unsicherheit. Die Kunstfigur KAMERA verkörpert das Gefühl, sich unter den Normalen wie ein immer wieder staunendes Alien zu fühlen. Der Welt zugewandt und trotzdem in Distanz zu ihr.

Der Titeltrack „Cyborg Love“ ist ein wunderschön androgynes R’n’B-Stück, eine Hommage an ein geliebtes, undefinierbares Wesen. Eine deutschsprachige Anknüpfung an Björks legendäre Hymne an die Liebe des Künstlichen und Maschinellen, „All Is Full of Love“. Was eh programmatisch ist: Fast alles auf diesem Album dreht sich um eine Liebe, die nichts Eroberndes mehr zu haben braucht. Die Erleichterung an der Stelle ist groß. Dass man als Mensch, der liebt, immer auch bedürftig und verletzbar ist, gehört dazu („Wie ein Junkie den Schuss braucht / so brauch ich dich“).

Softness in ganz verschiedenen Formen ist in dieser Musik die Voraussetzung für Soul, und der Soul kommt aus der Maschine: mittels Sound auf der Suche nach der Liebe, in all ihrer Vielfalt, in den Apparaten: „Cyborg Love“ ist eine Art Manifest, das Weichheit als Gegenmittel zu Lieblosigkeit und Härte postuliert.

Das Album „Cyborg Love“ erscheint am 26.06.2026 bei Hey!blau Records (LC 22792). Vorab werden die Singles „Softness“ (20.03.26), „In einem anderen Leben“ (15.05.26) und „Steinbruch“ (26.06.26) digital veröffentlicht.

Benjamin Moldenhauer

KAMERA – Cyborg Love (2026)