Nikolaus Gelpke (Photo: Mathias Bothor)

Photo: Mathias Bothor

Nikolaus Gelpke „Ålesund 63“

Das Projekt Ålesund 63 des Saxofonisten Nikolaus Gelpke vereint vier eigenständige Musikerpersönlichkeiten, deren unterschiedliche künstlerische Hintergründe zu einer unverwechselbaren gemeinsamen Klangsprache verschmelzen. Die Musik verbindet lyrische Melodik, improvisatorische Offenheit und eine klare kompositorische Handschrift zu einem modernen europäischen Jazz, der gleichermaßen transparent, atmosphärisch und unmittelbar wirkt.

Die Kompositionen entstehen aus den von Gelpke entwickelten Melodien, die gemeinsam mit der Pianistin und Komponistin Anja Mohr harmonisch ausgearbeitet und zur endgültigen Form geführt werden. Als Saxofonist entwickelt Gelpke eine bewusst melodische, reduzierte Tonsprache, die den Stücken ihren unverwechselbaren Charakter verleiht und den improvisatorischen Dialog des Quartetts eröffnet. Mohr gibt den Melodien durch ihre harmonische Ausarbeitung Tiefe, Offenheit und eine klare musikalische Gestalt.

Der in Tiflis geborene Bassist Giorgi Kiknadze zählt zu den profiliertesten und vielseitigsten Jazzmusikern Deutschlands. Mit seinem markanten Ton, seiner stilistischen Offenheit und seiner großen Erfahrung als Solist, Sideman und Bandleader verleiht er dem Quartett klangliche Tiefe und außergewöhnliche Flexibilität. Schlagzeuger Ole Seimetz ergänzt das Ensemble mit einem sensiblen, hochdynamischen Spiel, das rhythmische Präzision und klangliche Transparenz vereint. Seine Erfahrung als Musiker und Audio Engineer trägt wesentlich zum ausgewogenen Gesamtklang der Band bei.

Im Zentrum steht das gemeinsame Musizieren. Die Kompositionen bieten Raum für spontane Entwicklungen, ohne ihre melodische Klarheit zu verlieren. Jeder Musiker bringt seine eigene künstlerische Handschrift ein, doch erst im aufmerksamen Zusammenspiel entsteht jener charakteristische Ensembleklang, der das Quartett auszeichnet: konzentriert, offen und von großer gegenseitiger Aufmerksamkeit geprägt.

So entwickelt das erscheinende Album Ålesund 63 eine eigenständige musikalische Sprache, die sich stilistischen Schubladen entzieht. Die Band verbindet starke Melodien mit feinsinniger Harmonik, improvisatorischer Freiheit und lebendiger, gleichberechtigter Interaktion. Das Ergebnis ist zeitgenössischer europäischer Jazz von großer klanglicher Klarheit, emotionaler Tiefe und erzählerischer Kraft.

Das Album erscheint am 11.09.2026 auf unserem Sublabel Hey!jazz (LC 30662), vorab werden die Singles „Ford 1“ (03.07.26), „French Morning“ (31.07.2026) sowie „Hope ‚N‘ Quote“ (21.08.26) digital veröffentlicht.

Presseinfo Album "Ålesund 63"

Wo das Meer die Berge küsst, unter den hohen Gipfeln die Last des Himmels spürbar wird und sich Anfang und Ende der Welt in die Arme fallen, da kann ein Saxofon nicht ganz fehl am Platze sein. Im Normalfall sucht sich ein Musiker das Studio aus, in dem er ein Album produzieren will. Bei „Ålesund 63“ verhält es sich genau umgekehrt. Und dieser Ausnahmefall macht dieses Album so besonders. Es ist eine jener typischen Geschichten von Henne und Ei.

Fangen wir mit dem Musiker an. Der Saxofonist Nikolaus Gelpke ist ein Newcomer im Jazz. „Ålesund 63“ ist sein Debütalbum. Ein Jungspund ist er indes bei weitem nicht. Als Gründer und bis 2025 Chefredakteur des Kulturmagazins Mare war und ist der studierte Meeresbiologe ein Aktivposten in der deutschen und europäischen Kulturlandschaft. Über einen Mangel an Herausforderungen konnte er sich wahrlich nicht beklagen. Aber wie schon Konstantin Wecker so treffend ausrief: Genug ist nie genug. So reizte es den heute 63-Jährigen mit Mitte 50, noch mal ein völlig neues Kapitel im Buch seines Lebens aufzuschlagen. Er begann Saxofon zu lernen, zunächst eher als Ausgleich zu seinem beruflichen Gepäck, noch ohne konkretes Ziel. Doch Gelpke ist auch ein Mann, der stets von seiner Neugier auf überraschende Spuren geführt wird. Und so wurde er durch seine Arbeit als Herausgeber auf das Ocean Sound Studio am Rande der norwegischen Stadt Ålesund aufmerksam.

Das Ocean Sound Studio ist nicht einfach nur irgendein Studio. Man kann es eher als modernes Märchen beschreiben. Von zwei Hobbymusikern von der winzigen Fischerinsel Giske gegründet, schmiegt es sich auf einer noch winzigeren Halbinsel in den Fjord. Der einsame, rings vom Meer umspülte und von riesigen Felsen eingerahmte Flachbau erinnert mit seinem moosbewachsenen Dach eher an eine Fischerkate als an eins der modernsten Tonstudios der Welt. Das Geschrei der Vögel, das Pfeifen des Windes, das Rascheln in den trockenen Gräsern, das Tosen der Brandung und das Klackern der Steine, wenn sich das Wasser unter ihnen zurückzieht, bieten eine einzigartige Geräuschkulisse, eine gottgegebene Sinfonie des Nordens. Gibt man sich dem Innenleben des Studios hin, betritt man eine völlig andere Welt. Riesige Fensterfronten öffnen den Blick in die Weite. Was wir gerade noch für Umgebung hielten, verwandelt sich in pure Imagination. Das Studio ist vollgepackt mit Fundstücken aus der Gegend, Fischerei-Utensilien und analogem Equipment. Alte Teppiche, unaufdringlich nostalgische Stehlampen und gefirnisste Holzmöbel verleihen dem Setting zudem ein anheimelndes Wohnzimmer-Ambiente. Außenwelt und Innenleben verbinden sich zu einer beinahe surrealen Einheit. Wenn sich der Fensterblick auf dem spiegelblanken Schwarz des Flügels in sein Gegenbild verkehrt, fühlt man sich mitten in ein Gemälde von René Magritte versetzt. „Es ist ein Ort des Friedens, an dem man sich voll und ganz auf die Musik fokussieren kann“, schwärmt Tontechniker Hennig Svoren. „Das Studio ist nicht weit von der Stadt entfernt, und doch fühlt man sich hier wie am Ende der Welt. Das Wasser und der Himmel sind immer in Bewegung, Wind und Regen sind an der Tagesordnung. Die ständigen Stimmungswechsel öffnen den Geist und regen die Kreativität an.“ Wer hier nicht von der Muse geküsst wird, ist selbst schuld.

„Ålesund 63“ ist eine wundervolle Geschichte über das Loslassenkönnen. Nikolaus Gelpke kennt seine Limits und gibt gar nicht erst vor, der nächste große Virtuose auf dem Saxofon zu sein. Viel Zeit zum Üben hatte er bei all seinen Aktivitäten sowieso nicht. Ihm ging es um etwas ganz anderes. „Mich hat an der ganzen Geschichte der Prozess interessiert. Ich hatte ein paar Melodien im Kopf, die ich am Strand beim Hundespaziergang vor mich hin gepfiffen und mit dem Handy aufgenommen habe. Und ich fragte mich, wie so eine Melodie ihren Weg auf eine Platte findet. Diesen Prozess wollte ich kennenlernen.“

Gelpkes Saxofonlehrer Lorenz Hargassner unterhält einen regelmäßigen Workshop mit Pianistin Anja Mohr, Bassist Giorgi Kiknadze und Schlagzeuger Ole Seimetz. Gelpke fasste sich ein Herz und fragte die drei Youngster, ob sie sich mit ihm auf diese Reise begeben wollen. Vor allem Anja Mohr half ihm, seine musikalischen Ideen in eine adäquate Form zu bringen. Die Proben mit dem Trio waren Gelpkes erste Gelegenheit überhaupt, mit anderen Musikern in Echtzeit zu spielen. So kam eine Erfahrung zur anderen. Ein konkreter Plan, die Ergebnisse dieser musikalischen Forschungsreise zu veröffentlichen, bestand zu diesem Zeitpunkt noch nicht, doch Gelpkes junge Mitstreiter-Riege meinte: Wenn schon, denn schon. Als Lorenz Hargassner Gelpke dann fragte, ob er mit ihm im Hamburger Birdland auf die Bühne gehen wolle, wusste er, dass er seinem unbewusst gesteckten Ziel immer näher kam. Als er dann den Ruf des Ocean Sound Studios vernahm, gab es kein Halten mehr. „Es ist das größte Privileg im Leben, wenn man neugierig ist und dieser Neugier auch nachkommen kann“, ruft Gelpke mit unverminderter Begeisterung aus. „Ich habe in meinem Leben viel gemacht und all diese Prozesse vom absoluten Anfang bis zum Ende umgesetzt. Dabei musste ich immer von anderen lernen. Und lernen heißt für mich zuhören.“

Neben Anja Mohr, Giorgi Kiknadze und Ole Seimetz brachte sich Lorenz Hargassner als Executive Producer und in zwei Stücken am Tenorsaxofon ein. Mit unverstelltem Blick saugt Gelpke seine atemberaubende Umgebung ein und staunt sie zurück in sein Horn. Es sind einfache Melodien, die zum Mitsinnieren einladen. Sie wirken wie Postkarten, die uns ganz unmittelbare Einblicke in die Zauberwelt der Fjorde geben und das Ohr zum Fernglas machen. Klare Strukturen lösen sich in nebulösen Bildkonvoluten auf, um sich fast zwangsläufig in einfachen Konturen wiederzufinden. Mit dem feinen Gespür des leidenschaftlichen Meeresmenschen erfasst Gelpke genau das, was ihm an seinen Eindrücken wesentlich ist, und bringt den Mut auf, alles andere wegzulassen. Er reduziert sich und seine Band auf die Essenz dessen, was genau in diesem Augenblick gesagt werden will, entkleidet es jeglicher konzeptioneller Redundanz, meditiert mit der tosenden Stille und lässt die Bilder sprechen. Diese unbeschreibliche Losgelöstheit des Seins ist hier keine Flucht aus der Wirklichkeit, sondern im Gegenteil das erfüllte Bekenntnis zu einer Metarealität. Und ganz unbeabsichtigt entpuppt sich Gelpke als Meister der musikalischen Blau- und Grautöne inklusive all ihrer Schattierungen und Verblendungen.

„Ålesund 63“ ist ein Bilderbuch. Ein Bilderbuch, das immer wieder zum Durchblättern einlädt, weil der Klangfotograf Gelpke seine Impressionen mit dem Hörer auf Augen- oder in diesem Fall Ohrenhöhe teilt. Er lässt genug Platz für die Hörenden, um sie ihrerseits zur Mitgestaltung dieses einzigartigen Klangbildbandes zu ermutigen.
Text: Wolf Kampmann

Nikolaus Gelpke „Ålesund 63“

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